Kurz vor 12 – wenn die Welt einen Moment still steht

Montag – kein schöner Tag

Die Woche hat für uns nicht so gut begonnen. Innerhalb kürzester Zeit kann sich das Leben drehen und es ergeben sich Dinge, mit denen man absolut nicht gerechnet hat! Plötzlich ist es kurz vor 12

Am Montagmorgen hatte Jack sein Futter verweigert und war irgendwie „drömelig“. Ich hatte schon seit einigen Tagen das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, konnte aber nichts ausmachen. Seit unserem Umzug vor 4 Wochen war er lediglich etwas anhänglicher als sonst, fraß aber wie gewohnt, spielte usw. Ich schrieb das der örtlichen Veränderung und generell dem Umzugsstress zu.

Montag, nachdem er dann das Futter stehen lassen hat, machte ich für den Abend einen Termin beim Tierarzt. Gedanken daran, was das wohl sein könnte, quälten mich den ganzen Tag und irgendwie wusste ich, dass es nicht nur eine lapidare Magenverstimmung war. Dieses Gefühl wurde über den Tag noch stärker, so richtig beschreiben kann ich das gar nicht. Das Gefühl war halt einfach da.

Kurz vor dem Termin war mir richtig schlecht und ich sprach das Gefühl, welches ich hatte einfach aus… Ich sagte zu meiner Mutter, dass ich das Gefühl habe, dass er komplett voll mit Tumoren sitzt. Grausam, dass man überhaupt solche Gedanken haben kann, das lässt einen sich nicht unbedingt besser fühlen.

Beim Tierarzt angekommen, folgt erst einmal eine allgemeine Untersuchung. Jack wurde abgehört, es wurde Fieber gemessen, die Schleimhäute kontrolliert und der Bauchraum abgetastet. Als der Arzt sagte, dass er vom Bauchraum ein Röntgenbild machen wollte, verschlechterte sich mein Gefühl minütlich.

Die Untersuchung – ein Alptraum

Ich bin weiß Gott kein Tierarzt, aber selbst für mich Laien waren auf dem Röntgenbild kreisförmige Gebilde ersichtlich, die da nicht hingehörten. Aufgrund meiner Ausbildung, ist mir die Anatomie des Hundes im Groben natürlich bekannt und zwischen Magen und Enddarm waren lediglich zwei kreisförmige Gebilde zu sehen.

Keine Spur von Leber, Niere, Milz und weiteren Darmschlingen. Das konnte so also nicht richtig sein. Was aber auch zu sehen war, der Magen war komplett gefüllt. Das erklärte natürlich Jacks Appetitlosigkeit. Wo kein Platz mehr, da kann ich auch nichts nachschieben.

Aber warum ging es nach der Aufnahme in den Magen nicht weiter? 

Es wurden noch zwei weitere Röntgenbilder angefertigt und die Diagnose dann via Ultraschall bestätigt. Große Veränderungen im Bauchraum – genaueres könnte man erst nach eine Laparotomie sagen. Bei diesen kreisförmigen Gebilden sprach man aber bereits von einer Größe vergleichbar mit Apfelsinen. 

Ich hatte große Apfelsinen vor Augen und fragte mich, was für Chancen Jack haben könnte, wenn diese doch bereits den ganzen Bauchraum ausfüllten. Ich muss gestehen, kurzzeitig hatte ich den Gedanken, dass ich ihm eine OP nicht antun möchte. 

Wir sollten am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder da sein und dann würde man eine Laparotomie durchführen wollen. 

Die Laparotomie

Der Arzt erklärte mir die Laparotomie, erzählte von erfolgreichen Operationen und er gab Jack eine Chance. Ich wollte diese Chance! Ich glaube, es gibt nicht schlimmeres als zu früh aufzugeben und nicht zu wissen was wäre gewesen, wenn… Die flüchtigen Gedanken vom Vortag wurden beiseite geschoben. Ich würde mir immer vorwerfen, dass ich nicht alles versucht habe und vor allem nicht einmal 100%tig wusste, was genau da im Bauch war.

Am nächsten Morgen waren wir dann also bereit für die Laparotomie.

Als Laparotomie wird die Eröffnung der Bauchhöhle im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs bezeichnet.

Die explorative Laparotomie, die heute zugunsten der Laparoskopie in den Hintergrund getreten ist, dient der Diagnose von unklaren abdominellen Zuständen, meistens im Rahmen des akuten Abdomens.

Quelle: http://flexikon.doccheck.com/de/Laparotomie

Noch am Abend zuvor wusste ich nicht wohin mit meiner Traurigkeit. So viele Gedanken, die einem durch den Kopf geistern, allen voran natürlich die schlimmsten. Der Worst Case hatte meinen Optimismus verdrängt.

In der Praxis wurde die OP vorbereitet und der Tierarzt erklärte mir noch einmal, dass diese Veränderungen in Jacks Bauchraum erst durch die Öffnung der Bauchhöhle richtig abzuklären sind und das er Jack diese Chance zugestehen möchte. Außerdem versicherte er mir erneut absolute Ehrlichkeit in Bezug auf Jacks Zustand. Ja, dass sollte ohnehin selbstverständlich sein, dennoch stärkte es mein Vertrauen in ihn und seine Fähigkeiten als Tierarzt. Gleichzeitig aber wurde mir aber auch noch einmal klar, er hat diese Chance, es kann aber auch sein, dass sie ihn einfach wieder zu machen, weil sie ihm nicht helfen können.

Wenn Zeit endlos wird

Man sagte mir, dass man bereits nach 30-45 Minuten sagen könne, ob man weiter operiert oder ob alle Versuche vergeblich wären. Minuten können so unglaublich lang sein. Lang und unerträglich.

Ich saß im Wartezimme und starrte konzentriert auf den Fußboden. Ich versuchte alle Geräusche, Stimmen und Gespräche hinter den verschlossenen Türen aufzunehmen und zu verstehen. Erfolglos… Ungewissheit und Warten sind zwei Dinge, die nie zusammen passen werden und für jeden, der diese zwei Zustände ertragen muss, zur Qual werden.

Dann irgendwann öffnete sich die Tür, der Tierarzt trat hervor und sagte, dass es sehr gut aussehe. Man kann die kreisförmigen Gebilde komplett entnehmen, die OP würde aber noch mindestens 3 Stunden dauern und man würde mich dann anrufen.

Zu Hause zu sitzen ist nicht besser! So richtig ablenken kann man sich nicht. Oskar & Mira haben mir meine Stimmung direkt von den Augen abgelesen und waren anhänglich, aber dennoch zurückhaltend. Ein kleiner Spaziergang, in der Hoffnung den Kopf frei zu bekommen schlug fehl. 

Der erlösende Anruf

Als dann endlich das Telefon klingelte und der Tierarzt mir mitteilte, dass Jack die OP gut überstanden hat, war die Erleichterung groß. Ich glaube, es fiel mir ein ganzer Steinbruch vom Herzen!

Die Welt stand für einen Moment still…

Er erzählte mir aber auch, dass man letztendlich 3 Tumore entfernt hat. Einer dieser Tumore war mit der Milz verwachsen, die anderen beiden mit dem Bauchfett und zusätzlich waren sie noch ineinander verdreht und verklebt. Durch die Verdrehung und natürlich aufgrund der Größe drückten die Tumore auf alle Organe zwischen Magen und Enddarm. Das erklärte nun natürlich, warum der Magen noch voll war und sich der Inhalt nicht in Richtung Darm entleeren konnte. Ebenso gab es durch die Verdrehung eine Milzruptur. Es hatte bereits in die Bauchhöhle geblutet. Es war also kurz vor 12.

Der Tag nach der OP – zur Kontrolle und um zu sehen, ob ggf noch Bluttransfusionen benötigt werden. Jack hat aufgrund der gerissenen Milz Blutverlust erlitten.
Zu Hause wird er von allen bemitleidet und umsorgt 🙂

Das Leben ist schön

Die letzten drei Tage waren für mich schrecklich, nervenaufreibend und emotional. Eine dieser Situationen, die einem verdeutlicht, wie schnell alles vorbei sein könnte.

Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Berthold Brecht

Auch wenn das Leben endlich ist, so bin ich doch froh, dass ich in den letzten Tagen keine Entscheidung treffen musste, die ein Leben beendet. Sicherlich trifft man solche Entscheidungen immer zum Wohle des Tieres, dennoch ist es schön, dass wir jetzt noch (hoffentlich einige Jahre) Zeit zusammen haben. 

Auch wenn es hier „nur“ um ein Tier, um meinen Hund ging, so führen einem solche Situationen wieder vor Augen, dass man jeden Moment genießen sollte. Viel zu schnell kann alles vorbei sein und vor allem manchmal ganz unerwartet…

Wie ist das bei euch? Ihr hattet doch bestimmt auch schon solch akute Situationen, mit denen ihr nicht gerechnet habt? Die euch aus der Bahn geworfen haben?

Habt ihr danach Dinge geändert?

Ich habe zumindest erst einmal diesen Blogpost dazu genutzt, meine Gedanken, Gefühle und Emotionen der letzten Tage von der Seele zu schreiben. 

So kennt man Jack und so wird er bald auch wieder sein 🙂 ein Strahlemann!

Liebe Grüße,

Nicole mit Oskar, dem Kämpfer Jack & Mira

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